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Joko & Klaas und das Teilen von Privilegien

TW: sexuelle Belästigung, sexualisierte Gewalt

Das Video ist durch die Medien gegangen: Männerwelten, eine “Ausstellung” zu sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen, von Joko & Klaas ins Licht gerückt. Von dick pics bis zu Vergewaltigung war alles dabei, begleitet von Daten und Statistiken. Die Form und die Verbreitung waren sehr neu – die Fakten aber nicht. Warum also hat dieses Video so eingeschlagen?

Eine Erklärungsmöglichkeit ist die Kombination von derart vielen Bereichen sexualisierter Gewalt. Wer über Vergewaltigung spricht, verbindet die Diskussion selten mit übergriffigen DMs. Belästigung auf der Straße wird nicht oft mit Machtverhältnissen im Job in Beziehung gesetzt. Und doch hängen all diese Themen zusammen. Betrachtet man sie unter den Aspekten solcher Verbindungen, so wird das Patriarchat als systematisch und fast allgegenwärtig aufgezeigt.

Obwohl viele Menschen diese Tatsache bereits erfahren haben (vor allem wenn sie einer benachteiligen Gruppe wie Frauen und/oder der LGBTQ+-Community angehören), haben Sophie Passmann, Palina Rojinski, Jeannine Michaelsen, Visa Vie, Stefanie Giesinger, Katrin Bauerfeind, Collien Ulmen-Fernandes, die Mitarbeiterinnen von Florida TV, Terre des femmes und Antiflirting das Wissen über diesen Systemcharakter aus dem Unterbewusstsein geholt. Solange Frauen* als Ausübungsorte von Macht herhalten müssen, wird sich in all den angesprochenen Bereichen nur schwer Besserung einstellen. Diese Schlüsselrolle von Macht wird in dem Beitrag wenig angesprochen, was wahrscheinlich der kurzen Zeitspanne geschuldet ist. Die Einbeziehung von Macht ließe verstehen, dass es bei sexuellen Übergriffen, Belästigung und Gewalt nur selten um Sex an sich geht. Sexualität wird hier zum Instrument der Machtausübung und nicht umgekehrt. Ein Bewusstsein darüber würde dementsprechend auch die Lösungsansätze und das gesellschaftliche Bild der Problematik ändern: Täter*innen müssten dann primär ihren Hass und ihr Anspruchsdenken in den Griff bekommen – ein Ansatz, der auch in anderen Bereichen weniger Sexismus verspricht. Übrigens lässt er auch die Inklusion männlicher Opfer und die Thematisierung von Täterinnen leichter zu.

Eine zweite Erklärung für den Erfolg des Beitrags ist, dass hier die öffentliche Diskussion des Themas von Männern legitimiert wurde, was besonders Aktivistinnen in dem Bereich oft verwehrt bleibt, leider aber immer noch notwendig ist. Dabei haben Joko & Klaas nicht das Naheliegende, ihrer Karriere Förderliche getan und den Beitrag selbst präsentiert bzw. moderiert. Stattdessen haben sie ihre Privilegien geteilt und so Sophie Passmann, Palina Rojinski, Jeannine Michaelsen, Visa Vie, Stefanie Giesinger, Katrin Bauerfeind und Collien Ulmen-Fernandes eine Stimme gegeben, welche als Betroffene/Teil einer systematisch diskriminierten Gruppe den öffentlichen Diskurs über Sexismus, Belästigung und sexualisierte Gewalt dominieren sollten. Das ist ein großer Teil der Aufgaben von Feministen, wenn sie ihre Kolleginnen unterstützen wollen, anstelle sich nur ein Schulterklopfen für die vermeintliche Solidarität abzuholen. Denn in den Augen von weniger informierten, skeptischeren oder sexistischeren Zuseher*innen macht die Legitimation des Diskurses durch (cis-) Männer diesen erst beachtenswert.

Und genau deswegen sollten die Namen Sophie Passmann, Palina Rojinski, Jeannine Michaelsen, Visa Vie, Stefanie Giesinger, Katrin Bauerfeind und Collien Ulmen-Fernandes in einem Atemzug mit Joko und Klaas genannt werden. Denn das Teilen von Privilegien ist wichtig, die Erstellung eines solchen Beitrags (und das Aushalten der teilweise darauf folgenden gesellschaftlichen Ablehnung) aber viel mühsamer.

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